Laudatio für Prof. Dr. Josef Bäuml, 14.9.2018

Liebe Freunde der Psychoedukation,
liebe Psychoedukationsfreunde,
lieber Josef,

der 10. Psychoedukationskongress vom 15.-16.9.2018 markiert einen Punkt in der Geschichte der Psychoedukation im deutschsprachigen Raum, der eigentlich unvorstellbar ist: Josef Bäuml, die Psychoedukationslichtgestalt, verabschiedet sich in das, was man gemeinhin als Ruhestand bezeichnet. Dieses Ereignis ist ein Anlass, sich zunächst ungläubig die Augen zu reiben, um dann aber die Fassung wiederzugewinnen und auf die Zeit zurückzublicken, die Du, lieber Josef, entscheidend geprägt hast.

Das Zeitalter der deutschsprachigen Psychoedukation begann in den frühen 1980-er Jahren. Damals berichtete Ian Falloon bei einem Vortrag in München über Gruppen für Patienten mit Schizophrenien und deren Angehörige, bei denen aktive Wissensvermittlung eine bedeutende Rolle spielte. In dieser Zeit fiel es auch anderen Fachkollegen in Deutschland auf, dass der Kenntnisstand der Patienten in Bezug auf ihre Krankheit und deren Behandlung erschreckend niedrig war, und, noch schlimmer, dass die meisten Fachkollegen das gar nicht als Problem sahen. Schon den Gedanken, mit den von dieser Krankheit betroffenen Patienten offen zu reden, empfanden die meisten als abwegig.  

Josef Bäuml und wir anderen Kollegen, die sich immer mehr für dieses Thema interessierten – stellvertretend seien Peter Hornung und Stefan Klingberg aus Münster sowie Michael Stark aus Hamburg genannt - hatten diesbezüglich Glück. Wir durften an Universitätskliniken arbeiten, deren Ordinarien diesen neuen Ideen mit großer Toleranz begegneten und uns gewähren ließen. Das bedeutete damals sehr viel.

Was dann geschah, konnte niemand voraussehen. Die Angehörigenarbeit rückte gegen Mitte der 1980-er Jahre durch Bücher wie den von Heinz Katschnig herausgegebenen Band „Die andere Seite der Schizophrenie“ und die von Matthias C. Angermeyer und Asmus Finzen zusammengestellte Aufsatzsammlung „Die Angehörigengruppe“ sowie umfangreiche wissenschaftliche Aktivitäten immer mehr in den Fokus der psychiatrischen Fachwelt. 1996 wurde die Arbeitsgruppe Psychoedukation gegründet. 2003 erschien ein umfassendes Buch über Psychoedukation bei schizophrenen Erkrankungen in der ersten Auflage und 2008 in der zweiten. 2005 wurde die Deutsche Gesellschaft für Psychoedukation ins Leben gerufen.

Die Psychoedukation entwickelte sich immer mehr zum selbstverständlichen Teil der Psychotherapie bei jeder schweren psychischen Störung, und 2016 wurde dieser Tatsache im umfassenden Handbuch der Psychoedukation Rechnung getragen. Aus dem Steckenpferd einer belächelten Minderheit war ein Standard geworden.

Das alles wäre ohne Dich, lieber Josef, vielleicht gar nicht, vielleicht viel später, aber auf jeden Fall anders gekommen. Du wurdest zum bundesweiten Markenzeichen für die Psychoedukation. Die Idee hatte eine Person, mit der man sie verband.

Dass sich in dieser Zeit zwischen Dir und vielen von uns wunderbare Freundschaften entwickelt haben, ist alles andere als selbstverständlich, und auch das wäre ohne Dich, so wie Du einfach bist, kaum möglich gewesen.

Eine andere Deiner herausragenden Leistungen ist dagegen nur einem wesentlich kleineren Teil der Fachöffentlichkeit bekannt. Sie ist bis zum heutigen Vormittag, als Herr Professor Förstl in seiner Begrüßung zum 10. Psychoedukationskongress Deine fachlichen, menschlichen und literarischen Qualitäten hervorhob, noch nie angemessen gewürdigt worden: die Fähigkeit, das Leben in Reime zu bringen. Deine Gedichte sind noch nie veröffentlicht worden, und viele existieren heute nur in Form handschriftlicher Notizen, oder sie sind ganz verloren gegangen. Das ist bedauerlich, denn die Bäuml’sche Lyrik bietet eine Vielzahl von Schätzen.

Die Gedichte weisen bestimmte formale und inhaltliche Gemeinsamkeiten auf, die im Folgenden skizziert werden sollen.

Typisch für das Versmaß der Bäuml’sche Lyrik ist die sechszeilige Strophe mit dem Reimschema AABCCB, wobei jede Zeile in vierhebigen Trochäen gegliedert ist. Der Trochäus besteht in den aus einer betonten und einer nachfolgenden unbetonten Silbe. Zwei Zeilen mit je vierhebigen Trochäen können sich wie folgt anhören:

 

Heute war ich fest entschlossen:
Diesmal wird kein Reim gegossen.

 

Das Reimschema AABCCB bedeutet, dass sich in den folgenden vier Zeilen die zweite und die dritte sowie die erste und die vierte Zeile reimen:

 

Heute machst Du kein Gelabi
Aber als ich Dich erblickte
lnnerlich es ständig tickte,
Und alles reimte sich auf ,,Gabi".  

 

In diesen Zeilen aus dem Jahr 2006 werden ein weiteres formales und ein inhaltliches Charakteristikum der Sepp’schen Dichtkunst deutlich:

 

1. Formal: In der letzten Zeile werden die vierhebigen Trochäen durch eine vorausgestellte unbetonte Silbe ergänzt.
2. Inhaltlich: ein Person oder ein Ereignis wird gefeiert.

 

Dass dies, wenn es angebracht ist, auch in nachdenklicher Form geschehen kann, zeigen die folgenden Verse, die sich an dieselbe Adressatin richten und die uns Zeit und Vergänglichkeit vor Augen führen:  

 

Wenn wir Wiegenfeste feiern,
Wirkt das Fest oft schwer und bleiern,
Weil die Last der Jahre drückt.
Und den lieben Jubilar
Druckt und würgt das neue Jahr,
Für das man wünschend ihn beglückt.

 

„Zeit und Vergänglichkeit“ war im Übrigen der Titel eines legendären, von Herrn Prof. Förstl geleiteten Kongresses, der 2007 in Wien stattfand.

In Abwandlung einer weiteren Strophe aus der Feder unseres heutigen Jubilars können wir sagen:  

 

Sepp als Psychotherapeut
Hatte immer große Freud,
Wenn die Jahre sich vermehren.
Er kann es sehr gut beschreiben,
Wie die Jahre Früchte treiben.
Die gereichen ihm zu Ehren.  

 

Lieber Josef, sei von uns umarmt und geehrt, als Psychoedukierer, Dichter und Freund.

Für alle Psychoedukaktionsarbeitsgruppenbeflissenen 

Hans-Jürgen Luderer